Markerproteinprofil im Urin

Kategorie Laboruntersuchung
Stand20.02.2009
Abrechenbarkeit EBM
ErbringerEigenleistung
MethodeNephelometrie
Material
2,0 ml Urin eines 2. Morgenurin
IndikationAbklärung und quantitative Verlaufskontrolle unklarer Proteinurien
Abnahme
Urin pH nach dem Harnlassen kontrollieren und falls < 6 mit einigen Tropfen 1M NaOH alkalisieren.
Referenzbereich
s. Befundbericht
Kurzinformation
Quantitative Bestimmung von IgG, Transferrin, Albumin, Alpha-1-Mikroglobulin, Beta-2-Mikroglobulin im Urin und anschließende rechnergestützte Auswertung mittels Expertensystem.
Zusatzinformation
Hintergrund
Das Markerproteinprofil im Urin umfasst die quantitative Bestimmung von IgG, Transferrin, Albumin, Alpha-1-Mikroglobulin und Beta-2-Mikroglobulin im Urin sowie Kreatinin einschließlich einer anschließenden rechnergestützten Auswertung mittels Expertensystem.
 
Die Differenzierung des Urinproteinmusters besitzt im Rahmen der Proteinurie-Abklärung eine herausragende Bedeutung. Sie dient der Unterscheidung der verschiedenen renalen Proteinurieformen (glomerulär, tubulär, glomerulär/tubulär) von prärenalen Proteinurien ("Überlaufproteinurie": Hämoglobulinurie, Paraproteinurie, Bence-Jones-Proteinurie, Myoglobulinurie) und postrenalen Proteinurien (postrenale Hämaturie, Entzündung der ableitenden Harnwege). Die quantitative Bestimmung der oben genannten Markerproteine erlaubt, im Gegensatz zur SDS-PAGE im Urin (siehe dort), eine Differenzierung auch gering ausgeprägter Proteinurien sowie eine spezifischere Abgrenzung der unterschiedlichen Proteinurieformen. Sie ist ferner zur quantitativen Verlaufskontrolle geeignet und die Untersuchung kann im 2. Morgenurin durchgeführt werden, da die Ausscheidung der Markerproteine quantitativ auf Kreatinin bezogen wird. Die Ergebnisse sind mit den Messungen aus dem 24 h-Sammelurin vergleichbar.
 
Bewertung
Eine glomeruläre Proteinurie beginnt, wenn das Glomerulum seine Fähigkeit verliert, große Proteinmoleküle (MG > 67 kDa) im Plasma zurückzuhalten. Eine Unterscheidung zwischen selektiver und unselektiver glomerulärer Proteinurie kann hauptsächlich anhand der Molekülgrößen der ausgeschiedenen Proteine erfolgen. Diese Proteine können als Markerproteine bestimmt werden. Der Ausdruck "selektiv" wird benutzt, wenn ein Teil der Kapillarsiebfunktion des Glomerulums noch erhalten ist (Auftreten von Albumin und Transferrin im Urin, oft frühes Stadium glomerulärer Erkrankungen, Typen II und III nach Boesken). Wenn der Krankheitsverlauf schwerer wird und die Fähigkeit des Glomerulums progressiv abnimmt, große Proteinmoleküle zurückzuhalten, findet man vermehrt Transferrin und IgG im Urin und die Proteinurie wird als "unselektiv" bezeichnet (Typ I nach Boesken). Ausdruck der Selektivität ist der Transferrin/IgG-Quotient.
 
Eine tubuläre Proteinurie tritt auf, wenn die glomeruläre Funktion normal ist, die Fähigkeit zur Rückresorption und Katabolisierung der glomerulär filtrierten Proteine durch das Nierentubulus-System jedoch gestört ist. Es finden sich vermehrt Proteine mit niedrigem Molekulargewicht, wie z. B. Alpha-1-Mikroglobulin (MG 27 kDa), welches im intakten Nephron vollständig zurückresorbiert wird und bei Gesunden im Urin praktisch nicht nachweisbar ist. Bei zunehmender Verschlechterung der tubulär-interstitiellen Nierenfunktion treten weitere tubuläre Proteine mit noch geringerem Molekulargewicht, wie z. B. Beta-2-Mikroglobulin (MG 12 kDa), im Urin auf. Hieraus resultiert eine Unterscheidung zwischen einer inkompletten partiell-mikromolekularen tubulären Proteinurie (nur Alpha-1-Mikroglobulin im Urin) und einer kompletten tubulären Proteinurie (Alpha-1-Mikroglobulin und Beta-2-Mikroglobulin im Urin, Typ IV nach Boesken).
 
Finden sich sowohl glomeruläre als auch tubuläre Markerproteine im Urin, liegt eine glomerulär/tubuläre Mischproteinurie vor (Typ V nach Boesken), wobei bei Überwiegen der glomerulären Proteinurie die Einteilung in Typ Va, bei überwiegend mikromolekular-tubulärer Proteinurie in Typ Vb nach Boesken erfolgt. Liegt eine inkomplette partiell- mikromolekulare Proteinurie mit einer unterschiedlich ausgeprägten glomerulären Proteinurie mittlerer bis geringer Selektivität vor, so erfolgt die Einteilung der Proteinurie in Typ VI nach Boesken.
 
Zur Abschätzung einer prärenalen Proteinurie (z. B. Bence-Jones-Proteinurie) dient der Albumin + IgG + Alpha-1-Mikroglobulin / Gesamt-Protein-Quotient. Beim Quotienten <= 0,3 besteht der Verdacht auf eine Bence-Jones-Proteinurie. Zur weiteren Abklärung können auch die quantitative Messung der Kappa- und Lambda-Leichtketten im Urin, der Kappa/Lambda-Quotient sowie die Immunfixation im Urin herangezogen werden (siehe dort).
 
Liegt eine postrenale Proteinurie vor, nimmt der Albumin-Anteil gegenüber den Markerproteinen IgG und Alpha-1-Mikroglobulin zu. Zur rechnerischen Auswertung dienen die IgG/Albumin- und Alpha-1-Mikroglobulin/Albumin-Quotienten. Als zusätzlicher Parameter für eine postrenale Proteinurie kann die Bestimmung von Alpha-2-Makroglobulin dienen, da dieses Protein nicht glomerulär filtriert werden kann und somit eine Erhöhung dieses Proteins im Urin auf eine postrenale Beimischung hinweist.
 
Tabelle Markerproteine bei Proteinurie
 
Hinweise zum diagnostischen Vorgehen
Für die Erstdiagnostik empfiehlt es sich, zusätzlich die SDS-PAGE im Urin anzufordern. Zur Verlaufskontrolle reicht die quantitative Bestimmung der Markerproteine aus. Da die gleichen Proteinmuster bei verschiedenen renalen Erkrankungen vorkommen können, kann die Proteinurie-Differenzierung nur mittels Interpretation im Zusammenhang mit allen klinischen Befunden zur endgültigen Diagnose führen.